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Die Bescheinigung

Eigentlich hätte ich es ja wissen müssen. Und ich wußte es auch. Und wenn ich den Lauf eines (Psychotherapeuten-) Schicksals schon nicht verhindern konnte, dann wollte ich ihn wenigstens genußvoll miterleben. Ich entspannte mich also, lehnte mich zurück und ließ die Dinge auf mich zukommen.

Immer das gleiche Spiel. Nur die Inszenierung variierte von Fall zu Fall, und die Darsteller. Mal umständlich nach Worten suchend, mal wortreich ausgeschmückt, mal ernüchternd prosaisch, knapp und unverblümt und ganz zweckbezogen auf den Punkt gebracht.

Diesmal ging es erfrischend unkompliziert mit herzhaftem Zugriff zur Sache.

Ja, es sei schon eine lästige Beeinträchtigung. Vor allem an heißen Sommertagen. Die Hemdsärmel bis zu den Handgelenken geschlossen zu tragen und dabei anstrengende Arbeiten auszuführen und zu schwitzen. Er gönne sich diesbezüglich aber keine Erleichterung, beiße die Zähne zusammen und halte durch. Die Ärmel blieben unten. Das sei er der Verantwortung für die Firma schuldig, ihrem positiven Image, dem Verkaufserfolg und den Kunden natürlich. Und außerdem sei er dem Chef für die Chance eines beruflichen Neuanfangs überaus dankbar.

Eva - wie Gott sie im Paradiese schuf, das dolchdurchstoßene, blutende Herz, darunter der verwaschene blauschwarze Schriftzug 'Nina', der Anker, der Fisch und der Totenkopf. Es gehe ja nur um die Bilder auf dem Unterarm. Die Oberarme, Brust und Schultern sehe man ja nicht, insofern könnten Adler, Indianerkopf und Keltenkreuz bei der Sache ja außen vor bleiben.

Er hatte sich die Überraschung bis in die letzten paar Therapiestunden aufgespart. Sich meiner Hilfsbereitschaft ausreichend vergewissert. Mich sozusagen studiert und meine Schwachstellen ausgelotet. Besonders die, eine erbetene Gefälligkeit nur schwer abschlagen zu können. Er hatte den geeigneten Zeitpunkt abgewartet. Für eine kleine Bescheinigung.

Die Krankenkasse solle seine immensen Auslagen für 10 - 15 Sitzungen Lasertherapie mit einer gewissen Kostenübernahme entlasten. So was sei doch schnell mal geschrieben, ein Fünfzeiler. Das mache ich doch sicher in einer Freistunde zwischen zwei Therapiestunden mit links. Sein Bewährungshelfer habe bei seiner Kasse schon mal telefonisch vorgefühlt. Und eine fachpsychologische kleine Bescheinigung würde sich dabei sicher gut machen.

Er bot mir auch Schützenhilfe, verwies auf die "läppischen Tattoo-Bildchen" als auf eine Jugendsünde, mit 16 - 17 Jahren aus einer Laune heraus gemacht. Und dafür müsse er jetzt schon ein Leben lang leiden. Das sei doch nicht einzusehen.

Und die Kasse wolle doch sicher nicht seine berufliche Reintegration behindern, wo er jetzt beruflich schon seit 1 ½ Jahren so gut Fuß gefaßt habe. Sogar schon auf einen verantwortungsvollen Posten in der Firmenhierarchie aufgestiegen sei. Sein Verkaufstalent werde geschätzt, er sei sozusagen ein Naturtalent und für die Firma inzwischen fast unverzichtbar. Jedenfalls sprächen seine Ideen und die Umsatzzahlen, die er mache, eine überzeugende Sprache.

Wenn er sich das Arbeiten in kurzen Ärmeln nicht verbiete, laufe er Gefahr, von seiner Umwelt ins kriminelle Milieu eingeordnet zu werden, nach dem Muster: "Lange im Gefängnis gewesen, schlechter Geschmack, unterstes Niveau". Und diese Abwertung ertrage er nicht. Und auch die Mißachtung seiner erworbenen beruflichen Kompetenz und den Verlust von Respekt wolle er nicht riskieren.

Angesichts so umfangreicher Formulierungshilfe malte ich mir die Herstellung der erwünschten Bescheinigung bereits als so gut wie erledigt aus. Und sie diente ja schließlich einem wünschenswerten Zweck, beruhigte ich mich.

Doch ein bitterer Gedanke hatte sich eingeschlichen und ließ sich nicht mehr verdrängen. Ein böser Verdacht, der nur schwer widerlegbar schien.

Ich versuchte, ein Heft voller Gesprächsnotizen aus unseren Sitzungen dagegen zu halten, Problemstellungen, Analysen, erarbeitete Veränderungsalternativen, auch Fortschritte in der Problembewältigung und wahrnehmbare Einstellungsveränderungen.

Der böse Verdacht meldete sich erneut. Ging es besagtem Klienten vielleicht gar nicht um seine störungs-spezifischen, psychotherapierelevanten Probleme, sondern um etwas ganz anderes?

Um eine für ihn möglichst kostenreduzierte Korrektur seiner mit "läppischen Tattoo-Bildchen" verschandelten Haut an den Unterarmen? Und wie war es in dem anderen Fall: Ging es der Klientin damals nicht letztlich auch nur um den nachehelichen Unterhalt, den sie mittels Rechtsanwalt und hilfsbereitem, aber dummen Psychotherapeuten vor Gericht von ihrem Ex erstreiten wollte?

Ich fiel in ein therapeutisches Tief. Immer ging es nur um kleine Bescheinigungen. Waren die ganzen Therapiestunden vielleicht nur das Vorspiel, die Ouverture, für die kleine Bescheinigungssymphonie?

Die Stunde geht zu Ende. Es schellt. Ich öffne und ein neuer Klient steht in der Tür. Nach kurzer Begrüßung und einem ernüchternden Blick auf die tätowierte Rechte, die sich mir entgegenstreckt, frage ich: "Welche Bescheinigung darf's denn sein?"

Natürlich nicht wirklich. Nur in Gedanken.

Jürgen Pieper

Jürgen Pieper lebt in Köln und ist Verhaltenstherapeut

 

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