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V E S U V e.V.

Editorial vom 26.09.05:

Mädchen, die pfeifen...?

»Mädchen, die pfeifen, und Projekten, die krähn, soll man beizeiten den Hals umdrehn« - an diese alte Volksweisheit werden manche gedacht haben, die von unserer Protestaktion betroffen waren. An Stelle von Protestbriefen hatte man eher eine gewisse Dankbarkeit erwartet und ein Abwarten, bis eine Entscheidung über den Fortgang des Modellprojekts und seiner zweiten Phase gefallen war.

In der Tat sind alle MitarbeiterInnen des Informationsbüros den Gremien und Organisationen dankbar, die durch ihr Votum die Teilnahme unseres Beratungsbüros an der ersten Modellphase ermöglicht haben. In der Sache selbst gibt es freilich keinen rechten Grund zur Dankbarkeit: Nach wie vor werden psychische Probleme und Psychotherapie von unserer Gesellschaft nicht ernst genommen. Über die Brosamen, die vom großen Kuchen des Gesundheitswesen für den Verbraucher- und Patientenschutz im Bereich psychische Probleme und Psychotherapie abfallen, kann man sich freuen - aber dankbar muss man nicht sein. Denn immer noch werden diese eher zum Thema von bunten Blättchen und Kummerkästen - und ansonsten als minder wichtiges, eben »nur« seelisches Problem angesehen.

Der, die, das.
Wie sonst soll man sich erklären, dass psychische Probleme immer häufiger auftreten - aber bestimmte psychotherapeutische Leistungen punktuell in einer Höhe entlohnt wurden und werden, wie sie in Ehrenämtern üblich ist: nämlich mehr oder minder gar nicht. 87 Cent für eine probatorische Sitzung ist nicht gerade ein Anreiz, solche Sitzungen durchzuführen, und bestimmt kein besonderer Grund, engagiert und pfleglich mit seinen KlientInnen umzugehen. Dass die große Mehrheit der TherapeutInnen sich trotzdem darauf einlässt und gute Arbeit leistet, ist ein hoffnungsvolles Zeichen.
Aber niemand darf sich wundern, dass es andere AnbieterInnen gibt, die mit dieser Situation - aus Not oder Demotivation - anders umgehen. Und die, statt zu Heilen, viel Unheil anrichten.
Umso wichtiger sind Verbraucher- und Patientenschutz in diesem Bereich. Und der steht - nicht nur auf Grund der finanziellen Ausstattung - vor einer Herkulesaufgabe. Hunderte von Therapieverfahren, Zehntausende von AnbieterInnen sowie KlientInnen, deren überaus vielfältige Probleme sich zwar in ein paar wenige diagnostische Schubladen einsortieren lassen aber nichtsdestotrotz individuell und einzigartig bleiben - mit der absoluten Notwendigkeit zu auf den Einzelfall abgestimmten Hilfen. Und dazu eine Rechtslage, die weder »durchentschieden«, noch in irgendeiner Weise klar ist.
Last but not least: Es kommen Behandlungsverfahren zur Anwendung, die auf dem Umgang zwischen TherapeutInnen und KlientInnen basieren und ihrer Bestimmung nach darauf aus sind, die sich im Rahmen einer Therapie entfaltende Beziehung als Mittel zum Zweck zu nutzen. Und wie das so ist mit menschlichen Beziehungen, entwickelt sich womöglich keine gute Beziehung, geht die Beziehung schief oder sie wird schamlos ausgenutzt. Therapeutische Ausbildung hin oder her. Dafür bezahlen die KlientInnen, deren Probleme verlängert oder verschlimmert werden, den höchsten Preis. Aber auch die Krankenkassen, und damit die Gesellschaft, werden zur Kasse gebeten, und das nicht zu knapp.

Wer, wie, was?
In einer Zeit in der es überall heißt, Kosten zu sparen, und in der »mündige« und zuzahlende KlientInnen das Synonym für die Krankenkassen-Reform geworden sind, muss in Prävention und »Ausbildung« der VerbraucherInnen und PatientInnen investiert werden, um die Kosten für Behandlungen zu senken. Das ist allgemeiner Konsens - und eine Kalkulation, die einiges für sich hat. Mit kleinen Kosten große Kosten sparen, das ist die Devise.
Dann muss man das aber auch wirklich tun - und durchhalten.
In den letzten vier Jahren sind insgesamt zirka 30 Modellprojekte gefördert worden, die in großen Teilen Pionierarbeit geleistet haben. Selten war diese Arbeit von Anfang an optimal - denn natürlich gehören zur Entwicklung von Modellen auch schmerzhafte Lernprozesse. Aber den 5,1 Millionen Euro jährlich für den Verbraucher- und Patientenschutz im Gesundheitswesen stehen über 200 Milliarden Euro für Gesundheitsausgaben gegenüber (0,00255 %).
Im Jahre 2002 fielen über 20 Milliarden Euro Kosten allein für die Behandlung von »psychischen und Verhaltensstörungen« an. Im gleichen Jahr erhielt das Informationsbüro weniger als 200.000 Euro für seine kostensparende Tätigkeit in diesem Bereich (0,001 %).
In den letzten 4 Jahren sind also ca. 800.000 Euro an das Informationsbüro und damit in den Verbraucher- und Patientenschutz im Bereich psychische Probleme und Psychotherapie geflossen und in Aufbau, Ausbildung, Erkenntnissammlung und viel Informations- und Beratungs-Praxis umgesetzt worden. Hinzu kommen die Kosten für andere Modellprojekte, die in diesem Bereich tätig waren. Vielleicht nochmal die Hälfte dieser Summe. Würden diese verdienstvollen Projekte nicht weitergeführt, wäre die ganze Summe von mehr als einer Million Euro vertan.

Wieso, weshalb, warum?
Schon jetzt sind die MitarbeiterInnen der ehemaligen Modelleinrichtungen entlassen. Und die großen Träger waren unter den ersten, die ihren MitarbeiterInnen die Kündigung zugestellt haben. Eine Weiterführung der Arbeit erfolgt allenfalls ehrenamtlich - und auf diese Weise ist die Arbeit auf Dauer nicht zu leisten. Nicht weil es an Engagement fehlen würde, sondern weil Ehrenamtler schon allein nicht genügend Zeit haben, um einen entsprechenden Betrieb dauerhaft aufrecht zu erhalten.
Die finanzielle Unabhängigkeit, die von allen Trägern gefordert wurde, ist eine Farce: woher sollen die Gelder kommen, die der Betrieb einer fundierten Verbraucher- und Patientenberatung kostet? Quersubventionierung aus anderen Einnahmequellen ist zwar denkbar, aber nur unter Einschränkung der sonstigen Tätigkeiten möglich - soweit überhaupt erlaubt. Und die »mündigen« PatientInnen können sicher keine kostendeckenden Gebühren für eine Beratung zahlen.
Wenn mit kleinen Kosten große Kosten eingespart werden sollen, werden die Krankenkassen oder der Staat den Löwenanteil der kleinen Kosten übernehmen müssen: denn sie sind es ja auch, die unmittelbar von den erzielten »Gewinnen« profitieren.

Wer nicht fragt, bleibt dumm...
Wer nicht fragt bleibt dumm - das ist eine Devise, die sich Ratsuchende im Bereich psychischer Probleme und Psychotherapie in besonderem Maße zu Herzen nehmen sollten. Denn das, was ihnen von AnbieterInnen-Seite immer wieder nahe gelegt wird, »Vertrauen zu haben«, erweist sich in viel zu vielen Fällen als arglistiges Konzept zur ungestörten Ausschlachtung von PatientInnen - und sei es nur als Weihnachtsgans. Nicht, dass alle AnbieterInnen ÜbeltäterInnen wären - ganz im Gegenteil. Aber die »schwarzen Schafe« sind zu zahlreich. Da empfiehlt es sich, seinen Kopf nicht an der Garderobe der TherapeutInnen abzuhängen, sondern einen Rest von kritischem Verstand in die Therapiestunde mitzunehmen. Vertrauen ja, aber nicht blindlings und unbegrenzt.
Das ist nicht leicht, da viele KlientInnen vor allem eines ersehnen: endlich einem Gegenüber volles Vertrauen schenken zu können. Hier ein angemessenes Gleichgewicht von Vertrauen und wissensbasierter Achtsamkeit herzustellen, will erlernt sein. Und bei der Entwicklung einer entsprechenden Einstellung zu helfen, ist die primäre Aufgabe von Verbraucher- und Patientenberatung in diesem Bereich.
Wer sich mit dem Thema Verbraucher- und Patientenschutz im Bereich psychischer Probleme und Psychotherapie wirklich beschäftigt hat, weiß, dass der größte Teil der Arbeit nicht in der Beantwortung von einfachen Wissensfragen besteht, sondern in einem gemeinsamen »Clearing« der persönlichen Situation - zusammen mit den Ratsuchenden. In diesen Klärungsprozess werden von Seiten der BeraterInnen Kenntnisse und Beurteilungskriterien eingebracht. Das setzt PatientInnen voraus, die wissen wollen und »mündig« sind - oder bereit sind, es zu werden, sobald sie einsehen, dass es anders nicht schadlos möglich ist. Denn wer nicht fragt, bleibt dumm. Und hat damit das Nachsehen.

Tausend tolle Sachen,die gibt es überall zu sehen...
Läßt sich ein derartiger Kommunikationsprozess von BeraterInnen leisten, die für diesen Spezial-Bereich des Gesundheitswesens notdürftig nachgeschult wurden? Oder anders gefragt: gibt es einen kostengünstigeren und effizienteren Weg zur »Betreuung« dieses Bereichs als in Form einer bundesweiten themenspezifischen Patientenberatung? Und noch anders: Warum muss es unbedingt das »Informationsbüro für Psychotherapie und Alternativen« sein?
Natürlich sind Alternativen zur Arbeit des Informationsbüros denkbar. Niemand ist unersetzlich. Und das Informationsbüro erhebt ja auch keinen Alleinvertretungsanspruch für den Bereich psychische Probleme und Psychotherapie. Mehr als das, wir bewundern den Ansatz einiger anderer Modellprojekte, die in diesem Bereich tätig sind. Nur sehen wir niemanden, der kurzfristig das übernehmen könnte, was das Informationsbüro tut.

...manchmal muss man fragen, um sie zu verstehen!
Was ist an der Tätigkeit des Informationsbüros denn so Besonderes, werden einige fragen, die seine Arbeit nicht kennen. Die Antwort liegt im vorbeugenden und integrativen Ansatz:

  • Als wichtigstes: Das Informationsbüro steht seinen KlientInnen vor Beginn einer Therapie zur Verfügung. Wer aus gutem Grund nicht einfach daran glaubt, dass TherapeutInnen es schon richten werden, sei es auf Grund einer weiter verbesserten Ausbildung und/oder auf Grund von Strafandrohungen, der muss sich an die Ratsuchenden selber halten. Denn bei entsprechender Vorbereitung stellen PatientInnen die besten Garanten gegen fehlgeschlagene oder missbräuchlich Therapien dar: außer den TherapeutInnen sind sie die einzigen, die wirklich wissen, was in einer Therapie »abläuft«.
  • Da sich KlientInnen aber nicht immer sicher sein können, ob ihre Wahrnehmung zutreffend ist, brauchen sie Rat auch während der Inanspruchnahme einer Therapie. Resultat dieses in doppelter Hinsicht vorbeugenden Konzepts des Informationsbüros: Unter den von uns vorab und begleitend beratenen KlientInnen hat es u. W. noch keinen einzigen Fall von Missbrauch in der Therapie gegeben.
  • Aber natürlich gibt es trotzdem KlientInnen, die schlechte Erfahrungen in der Therapie machen oder gemacht haben. Sie brauchen nach dem Ende oder Abbruch ihrer Therapie dringend einen kompetenten Ansprechpartner, der ihrer tief greifenden Verunsicherung entgegenwirkt und nach Möglichkeit weiterhilft.
    Dieser Teil der Arbeit des Informationsbüros ist der öffentlichkeitswirksamste - aber er ist der im Sinne der Sache unbefriedigendste: denn »das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen«. Emotionale Stabilisierung und Rechtshilfen sind dann wichtig - aber sie kommen eigentlich zu spät. Glücklicherweise beansprucht dieser Teil unserer Tätigkeit nur einen kleinen Teil der Arbeitszeit - der größte Teil kann zur Verhinderung solcher negativen Therapieverläufe eingesetzt werden.
  • Das Informationsbüro informiert nicht nur über kassenfinanzierte Therapie, sondern über das gesamte Angebotsspektrum (einschließlich ganzheitlich-spirituellen Verfahren, Sekten, Psychogruppen u.a.m.). Das entspricht der Realität von Ratsuchenden, die je nach subjektiver Einschätzung und finanziellen Möglichkeiten zwischen kassenfinanzierter und privat bezahlter Therapie oder Alternative wechseln. Informationstätigkeit, die nur den kassenfinanzierten Teil der Therapie beträfe, wäre ineffizientes Stückwerk.
  • Das Informationsbüro berät nicht nur persönlich, telefonisch oder per E-Mail, sondern es informiert auch per Internet. Auf diese Weise werden viele KlientInnen, Angehörige und Beratungs-Einrichtungen informiert, die weder Zeit noch Willen haben, sich auf eine individuelle Beratung einzulassen. Die Informationstätigkeit per Internet erreicht wesentlich mehr Menschen als die individuelle Beratung, aber geht naturgemäß auch weniger in die Tiefe. Die Integration der Medien ermöglicht viele Synergieeffekte und hat sich in ihrem Zusammenwirken als ausgesprochen effizient erwiesen.
  • Das Informationsbüro wendet sich nicht nur an PatientInnen, sondern gleichermaßen an AnbieterInnen und Beratungseinrichtungen. AnbieterInnen kann auf diese Weise vielfach die Sichtweise von KlientInnen nahe gebracht werden und den Beratungseinrichtungen die speziellen Eigenheiten und Besonderheiten des »Psychodschungels«.
  • Schließlich hat das Informationsbüro ein regionales »Standbein«, in dem es zu persönlichen Begegnungen mit Ratsuchenden kommt. Die sind wichtig, um nicht abzuheben und den Kontakt zur Realität und zu den neuesten Entwicklungen zu verlieren.

Der, die, das.
Was bleibt ist die Frage nach der Zukunft einer qualifizierten Verbraucher- und Patientenberatung im Bereich psychische Probleme und Psychotherapie, wie sie das VESUV-Informationsbüro modellhaft entwickelt hat. Diese Entwicklung ist noch lange nicht an ihrem Ende angelangt. Sie bedarf der Weiterförderung: Einerseits, um sich zu einem wirklich bundesweiten Kompetenz-Center für psychische Probleme und Psychotherapie zu entwickeln, andererseits um ihr Spezial-Wissen in den Grundzügen an die allgemeinen Patientenberatungsstellen weitervermitteln zu können. Schließlich und nicht zuletzt, um den Ratsuchenden aus diesem vernachlässigten Bereich eine Stimme zu verleihen - und deren berechtigte und immer neue Fragen und Beschwerden angemessen zu beantworten.

 

AutorIn: Heiko Deters - Aktualisiert: 26.09.05

 

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