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Verein für Erforschung und Schutz unangepaßten Verhaltens e.V.

   
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Über unangepaßtes Verhalten

Einige Anmerkungen zum Selbstverständnis des Vereins
V E S U V e.V.
(Dez. 1987)

Viele, die den Namen des Vereins V E S U V lesen, stolpern über den Begriff »unangepaßtes Verhalten« und/oder stoßen sich daran, daß »unangepaßtes Verhalten auch noch geschützt werden soll«. Hier deshalb ein paar kurze Erläuterungen zu Selbstverständnis und Konzeption des Vereins.

(1) Unangepaßtes Verhalten

Soziologen, Psychologen und anderen Sozialwissenschaftlern dürfte der Begriff »unangepaßtes Verhalten« in der Regel geläufig sein, auch wenn er gegen andere Begriffe nicht immer leicht abzusetzen ist. Die Vereinssatzung führt daher einige verwandte Begriffe auf (»auffälliges«, »ungewöhnliches«, »abweichendes«, »abnormales«, »abnormes« Verhalten), die einen Eindruck von dem geben sollen, womit sich der Verein befaßt.

Kurz gesagt geht es uns um Personen (bzw. ihr Verhalten), die in den Augen ihrer Umgebung »anders« sind (sich »anders« verhalten). Die Tatsache des »Anders-Seins« allein wäre allerdings noch kein Grund, einen Verein zum Schutz des »Anders-Seins« zu gründen. In aller Regel aber ergeben sich Probleme zwischen denen, die »normal« sind (oder so gesehen werden), und denen, die »anders« sind (von der Norm abweichend, in diesem Sinne »abnormal«). Gesellschaftliche Gruppen nämlich, ob groß oder klein, üben einen beträchtlichen Anpassungsdruck auf alle ihre Mitglieder aus und sanktionieren jede Abweichung vom »normalen« Verhalten mit einer abgestuften Skala von Maßnahmen. Wer sich nicht den geschriebenen und ungeschriebenen Regeln der Gemeinschaft anpaßt, hat die Konsequenzen seines »unangepaßten Verhaltens« zu tragen.

Menschliche Gemeinschaften, gleich welcher Größe, versuchen sich gegen Personen bzw. deren Verhaltensweisen zu schützen, die ihren Fortbestand gefährden. Dieser legitime Schutz der Gemeinschaft wird aber oft mit einem absoluten Schutz gegen jegliche Störung und Weiterentwicklung verwechselt. Dem Interesse auf unveränderten und ungestörten Fortbestand der Gemeinschaft steht indes das Interesse auf ungehinderte Selbstentfaltung des Individuums gegenüber. Die Gesetze, die sich eine Gemeinschaft gibt, sind, so könnte man sagen, stets der mehr oder minder gelungene Versuch eines Interessensausgleichs zwischen beiden Ansprüchen. Nicht nur die Interessen der Gemeinschaft sind eben schützenswert, sondern auch die ihrer (unangepaßten) Mitglieder. Insonderheit die Interessen derer, denen es ihre Unangepaßtheit erschwert oder unmöglich macht, sich gegen ungerechtfertigte Sanktionen der Gemeinschaft erfolgreich zur Wehr zu setzen.

(2) Unangepaßtes Verhalten als Thema der Wissenschaft

Zum Thema »unangepaßtes Verhalten« gibt es eine Unmenge an wissenschaftlicher Literatur. Allerdings firmieren die entsprechenden Abhandlungen oft unter einem anderen Etikett. In der Soziologie wird das Thema meist unter dem Stichwort »abweichendes Verhalten« behandelt (vgl. z.B. MERTON, R.K., 1957, »Social Theory and Social Structure«; PARSONS, T., 1968, »Enstehung und Richtung abweichenden Verhaltens«). In der psychologischen Forschung und Lehre differiert die Bezeichnung nach Ländern. Im englischen Sprachraum wird das, was hier »unangepaßtes Verhalten« genannt wurde, meist als »abnormal behavior« bezeichnet - und zwar in einem genauso umfassenden Sinne (vgl. z.B. ORME, J.E., 1971, »An Introduction to Abnormal Psychology«, dt. 1975, »Einführung in die klinische und abnormale Psychologie«): Psychosen, Neurosen, psychosomatische Erkrankungen, Delinquenz, veränderte Wachbewußtseinszustände bei Normalen, aber auch intellektuelle Superiorität und herausragende Kreativität fallen unter den Begriff - eben alles Verhalten bzw. alle Verhaltens-Dispositionen, die von der Norm abweichen und als solche »auffällig« sind. Im deutschen Sprachraum dagegen wird das Thema »unangepaßtes Verhalten«, meist verbunden mit einer gewissen Begriffseinengung, überwiegend in der Klinischen Psychologie, aber auch in der Sozial-, Persönlichkeits- und Entwicklungspsychologie, abgehandelt. Es firmiert dann als neurotisches, psychotisches, delinquentes, seltener auch als unangepaßtes, abweichendes oder abnormales Verhalten (vgl. SCHENK, J., 1977, Handbuch der Psychologie Bd. 8/1, Klinische Psychologie). Häufig werden die krankheitsäquivalenten Phänomene unangepaßten Verhaltens unter dem Begriff »Psychische Störungen« zusammengefaßt. Unangepaßtes Verhalten, wie es hier verstanden wird, ist, zumindest in den weitaus meisten seiner Aspekte, Pflicht-Gegenstand von Forschung und Lehre an allen Universitäten und vielen außeruniversitären Institutionen.

Eine Lexikon-Definition mag den Begriff noch weiter erläutern: »In jüngster Zeit wurde der Begriff Anpassung hauptsächlich als Anpassung an die gesellschaftlichen Normen verstanden. In diesem Sinne bilden die Anpassungsvorgänge ein breites Feld der Sozialpsychologie, besonders ausgeprägt in Nordamerika (D.RIESMAN u.a.). Anpassung erscheint hier: 1) als notwendiger Bestandteil des allgemeinen Sozialisierungsprozesses, 2) als Zurückdrängen der individuellen Eigentümlichkeiten bis zur Selbstaufgabe an die einebnenden Forderungen der Gesellschaft ('overadjustment').- Angepaßtheit ('adjustment') als Persönlichkeitsnorm spielt eine verhältnismäßig große Rolle auch in manchen psychoanalytischen bzw. tiefenpsychologischen Theorien. Krankhafte oder kriminelle Abweichungen werden dann als Mangel an Angepaßtheit, gegebenenfalls als extreme Unangepaßtheit definiert.« (HEHLMANN, W., 1962, »Wörterbuch der Psychologie«, S. 22).

(3) Was gibt es da noch zu untersuchen?

Bei der Fülle der Literatur, die zum Thema »unangepaßtes Verhalten« vorliegt, könnte man denken, daß alle Probleme längst gelöst sind. Nach über einstimmender Meinung von Wissenschaftlern aller Disziplinen ist dem nicht so. Ob es um Schizophrenie oder »Verwahrlosung« geht, um Autismus oder Delinquenz, um Pharmakotherapie, Psychotherapie oder Selbsthilfegruppen, um genetische, biochemische, biographische oder soziale Faktoren, über fast nichts ist man sich sicher, über fast nichts ist man sich einig. Immer neue Theorien werden entwickelt, ergänzt und ganz oder teilweise wieder verworfen. Das einzige, was bleibt, ist die »ärgerliche Erfahrung des Anderen, des Andersartigen, des Abartigen, des Abnormalen und seine mehr oder minder bewußte Bewertung« (DETERS, 1975, »Zum Begriff der Abnormalität und seiner gesellschaftlichen Bedingtheit«, S.10) - aber auch die ändert sich im Verlaufe der Zeit.

Wer auch immer aber der »Andere« ist, und jeder von uns kann es irgendwann sein, der hat - allen Unsicherheiten zum Trotz - mit den Konsequenzen seines »Anders-Seins« zu leben: billiger- oder unbilligerweise. Daraus erwächst unser Motiv, zur Erforschung unangepaßten Verhaltens und seiner Bedingungen beizutragen und die Träger dieses Verhaltens gegen unangemessene Sanktionen soweit möglich zu schützen.

Die erste Frage, die sich uns unter dieser Zielsetzung stellt, ist, »was wem warum als abnormal und damit veränderungsbedürftig erscheint« (DETERS, ebenda, S.11). Diese Frage betrifft die Wahrnehmung des »Andersartigen« und die Gründe für seine Einordnung in diese Kategorie - mit allen daraus resultierenden Konsequenzen. Die wissenschaftlichen Stichworte sind: soziale Wahrnehmung, Bewertung, Vorurteile.

Die zweite Frage ist, »wer bezeichnet welches Verhalten unter welchen Umständen bei wem mit welcher Verbindlichkeit und welchen Konsequenzen als welche Form abweichenden Verhaltens« (SCHENK, ebenda, S.67). Diese Frage betrifft die Art der wissenschaftlichen Aufarbeitung von bereits als »abweichend« klassifiziertem Verhalten. Die Stichworte sind: Gegenstandsbildung, Klassifikation, Konsequenzen- bzw. Behandlungs-Schemata.

Die dritte Frage ist, wer warum unter welchen Bedingungen »abnormal«, und unter welchen Bedingungen wieder »normal« wird bzw. werden kann. Dies ist die klassische Frage, die sich Mediziner, Psychologen und Soziologen im Zusammenhang mit unangepaßtem Verhalten immer stellen. Die wissenschaftlichen Stichworte sind: Epidemiologie, Nosologie, Ätiologie, Diagnostik, Therapie.

Diese drei Fragen (und viele weitere) sind für die jeweils Betroffenen, aber auch für die Tätigkeit des Vereins V E S U V , von großer Bedeutung. Zu ihrer Beantwortung bedarf es jeder Anstrengung und der Zusammenarbeit aller interessierten Wissenschaftler: Interdisziplinäre Forschung ist eine Notwendigkeit, wenn man das »Bedingungs-Insgesamt« der verschiedenen Formen unangepaßten Verhaltens erfassen und das Ineinandergreifen der diversen Faktoren im Rahmen der Entwicklung von »Unangepaßtheits- Karrieren« nachverfolgen will.

(4) Was gibt es da zu schützen?

Unter der Zielsetzung, unangepaßtes Verhalten bzw. seine Träger gegen Unbilligkeiten zu schützen, kommen mindestens drei weitere Fragen hinzu, die klassischerweise im Grenzbereich zwischen Wissenschaft und Politik angesiedelt werden.

Die erste dieser Fragen ist, inwieweit bestimmte Formen unangepaßten Verhaltens zu Unrecht als veränderungsbedürftig angesehen werden. Oder anders ausgedrückt, welche Vorurteile existieren gegenüber unangepaßtem Verhalten und wie kann man sie abbauen?- Um ein Beispiel zu geben, bestimmte Formen sexuellen Verhaltens, wie Masturbation oder Homosexualität, wurden bei uns lange Zeit als veränderungsbedürftige bzw. strafbare »Perversionen« angesehen. Mittlerweile hat sich die psychiatrische bzw. strafrechtliche Bewertung dieser sexuellen Verhaltensweisen komplett gewandelt, auch wenn soziale Vorurteile nach wie vor bestehen und des öfteren in Diskriminierungen münden.- Ein anderes Beispiel sind die, nach dem schon klassischen Vorurteil labilen, sich am Rande von Legalität und geistiger Gesundheit bewegenden Künstler, manchen ein Hätschelkind und vielen ein Dorn im Auge. Mit Blick auf ihre »selbstgewählte Unangepaßtheit« wurde ihnen bis vor kurzem eine gleichberechtigte Sozialabsicherung vorenthalten. Inzwischen wurde dies, wenigstens teilweise, nachgeholt; mehr als das, im Rahmen von Kreativitätstrainings für Manager werden mittlerweile »typisch künstlerische« Merkmale gefördert. Es hat sich also ein Wertewandel vollzogen: einstmals als »unangepaßt« geltende Verhaltensweisen werden nicht mehr durchweg als unerwünscht, ärgerlich und veränderungsbedürftig angesehen, sondern gelten nun als bis zu einem gewissen Grade förderungwürdig. Langsam hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, daß Unangepaßtheit, zumindest gelegentlich, einen Eigenwert besitzt.- Beide Beispiele betreffen Entwicklungen, die ohne wissenschaftliche Untersuchungen und die Informierung, Aufklärung und Beeinflussung einer breiteren Öffentlichkeit undenkbar gewesen wären.

Die zweite Frage betrifft die vielfältigen Dienstleistungs-Angebote für Menschen mit Anpassungsproblemen. Von Pillen bis zu Traktätchen, von Selbsthilfegruppen bis zur Einzeltherapie, von Legasthenikergruppen bis zum Massagekurs sind hier eine Fülle von qualitativ völlig unterschiedlichen Angeboten käuflich zu erwerben, die alle den Anspruch erheben, dem Unangepaßten bei der Lösung seiner Probleme zu helfen. Wissenschaftliche Untersuchungen über den Nutzen solcher Angebote liegen nur vereinzelt vor (im Rahmen von Psychotherapie- und Psychopharmaka-Forschung); außerdem sind sie fast nie vergleichender Art (zwischen verschiedenen Therapieformen). Nicht einmal eine Übersicht über Marktangebot und Preise der diversen Veranstaltungen am Ort ist erhältlich. Wer Unterstützung bei der Bewältigung seiner psychosozialen Probleme sucht, ist somit hilflos der Angebotsfülle ausgesetzt und unterliegt einer erheblichen Ausbeutungsgefahr. Die Ausbeutung braucht dabei nicht unbedingt finanzieller Art zu sein (was vielleicht noch verschmerzbar wäre), sie kann auch ideologischer Art sein (religiöser bzw. quasi-religiöser Art, Therapiesüchtigkeit) oder darin bestehen, daß jemand zum »Versuchskaninchen« unwirksamer, schädlicher oder falsch angewandter Behandlungsmethoden wird.- Angesichts dieser äußerst unbefriedigenden Situation stellt sich die Forderung nach zwei Dingen wie von selbst: (1) zuverlässigen »Verbraucherschutz«-Informationen, (2) einer Institution, die dem Interessenten eine umfassende Aufklärung und eine an seinem individuellen Problem ausgerichtete orientierende Beratung gewährleistet.

Die dritte Frage schließlich bezieht sich darauf, inwieweit für den als »unangepaßt« Klassifizierten, die Konsequenzen, die aus seiner Unangepaßtheit (bzw. der entsprechenden Klassifikation) resultieren, zumutbar sind. Diskriminierung am Arbeitsplatz und in der sozialen Umgebung sind dabei ein Thema, Eingriffe in die persönliche Lebensgestaltung ein anderes. Auf ersteres wurde bereits eingegangen, letzteres bezieht sich auf alle Formen gesetzlichen Zwangs (Zwangs-Einweisung in Erziehungsheime, psychiatrische Krankenhäuser, Haftanstalten; Entmündigungen usw.), die gegenüber bestimmten Formen unangepaßten Verhaltens zur Anwendung kommen. Bei der Schwere solcher Eingriffe und ihren z.T. lebensbedrohlichen Auswirkungen ist eine kritische Beobachtung dieses Bereichs unerläßlich und eine typische Aufgabe für den Verein V E S U V

(5) Was ist zu tun?

Die Aktivitäten des Vereins V E S U V entwickeln sich entlang dreier Linien:

(a) Aktivitäten im Forschungsbereich

(b) Aktivitäten im Aufklärungs-, Beratungs-, Behandlungsbereich

(c) Aktivitäten im publizistischen Bereich

Erst das Ineinandergreifen aber, die Verzahnung der verschiedenen Aktivitäten wird dem Verein eine gesellschaftliche Wirkung verschaffen, wie wir sie uns im Interesse der Sache wünschen. Und auch dann wird der Verein nur unter der Bedingung erfolgreich sein, daß er interdisziplinär arbeitet und unabhängig von allen Interessengruppen vorgeht - aber jederzeit in der gemeinsamen Sache zum Zusammenwirken mit allen seriösen Vereinigungen bereit ist.

Vor allem im Zusammenhang mit dem »Schwerpunkt Orientierungshilfe« ist es uns deshalb wichtig, darauf hinzuweisen, daß sich der Verein V E S U V keiner bestimmten Weltanschauung, keiner bestimmten wissenschaftlichen Richtung, vor allem aber keiner bestimmten Therapie-Richtung verpflichtet fühlt. Soweit unser Selbstverständnis es zuläßt, versuchen wir, allen denkbaren Ansätzen vorurteilsfrei gegenüber zu treten.

Darüber hinaus wird die Arbeit des Vereins von drei Grundsätzen geleitet:

(1) Unangepaßtes Verhalten hat nach unserer Auffassung seinen Eigenwert; es ist nicht unbedingt und selbstverständlich veränderungsbedürftig, sondern hat einen Wert für die Gemeinschaft.

(2) Soweit wir bei unangepaßtem Verhalten intervenieren, erfolgt dies mit dem Ziel, Selbständigkeit und Selbstbestimmung des Klienten zu unterstützen; niemand soll durch unsere Tätigkeit abhängig gemacht oder in Abhängigkeit gehalten werden.

(3) Vorhaben, die diesen Grundsätzen widersprechen, wollen wir weder unterstützen noch in Angriff nehmen.

(5a) Forschungsbereich: Schwerpunkt Normen-Kontrolle

Forschung zum Thema unangepaßtes Verhalten findet in großem Umfang und mit beträchtlichem finanziellen Aufwand statt. Dabei kommen aber bestimmte Bereiche, die für uns von besonderer Wichtigkeit sind, absolut zu kurz. Es handelt sich um:

(1) Forschung zum Thema soziale Wahrnehmung und Bewertung unangepaßten Verhaltens: welches Verhalten wird von wem warum als abnormal wahrgenommen und wie wird es bewußt oder unbewußt bewertet?

(2) Forschung zum Thema soziale Wahrnehmung und Werte unangepaßter Personen: Wie nehmen Menschen, die von anderen als »unangepaßt« angesehen bzw. klassifiziert werden, sich selber und ihre »normale« Umgebung wahr?

(3) Forschung zum Thema wissenschaftliche Gegenstandsbildung im Bereich unangepaßten Verhaltens: vor allem die Frage nach der »Legitimation intervenierenden Verhaltens« (SCHENK, 1977) ist hier von Interesse. Sind die sozialen Normen bzw. Vorurteile, die bestimmte Formen unangepaßten Verhaltens mit bestimmten Sanktionen bedrohen, angemessene Normen mit angemessenen Konsequenzen? Werden diese Normen wissenschaftlich reflektiert oder ungeprüft übernommen? Wie erscheinen diese Normen im Lichte wissenschaftlicher Befunde?

(4) Forschung zum Thema Epidemiologie unangepaßten Verhaltens: vor allem die Frage, ob es einen schroffen Gegensatz zwischen angepaßtem und unangepaßtem Verhalten gibt, ist hier von Interesse. Überall, wo es keinen schroffen Gegensatz zwischen beiden Verhaltensformen gibt, ist eine Abqualifizierung unangepaßten Verhaltens als »abnorm« oder ähnliches im besten Falle irreführend. Als Beweis dafür, daß es fließende Übergänge zwischen angepaßtem und unangepaßtem Verhalten gibt, auch da, wo man es klassischerweise leugnet, kann die exemplarische Untersuchung von DITTRICH zum Auftreten sog. »psychopathologischer« Phänomene bei Normalen gelten (DITTRICH, 1985, »Ätiologie-unabhängige Strukturen veränderter Wachbewußtseinszustände«). Untersuchungen dieser Art liefern allererst das benötigte Fundament für einen Diskurs über »Normalität«, soziale Normen und die mit ihnen verbundenen Konsequenzen.

(5) Vergleichende Therapie-Forschung: Neben der Frage, ob und inwieweit bestimmte Formen intervenierenden Verhaltens angemessen sind, ist vor allem die Frage von Bedeutung, ob und in welchem Maße die vorhandenen Eingriffsformen im Sinne des zu definierenden Behandlungsziels wirksam sind und welche Nebenwirkungen bei der Behandlung auftreten bzw. auftreten können.

Dies sind natürlich nur einige Punkte, deren nähere Erforschung sich lohnen würde. Welche davon in nächster Zeit von uns angegangen werden können, wird nicht zuletzt von den zur Verfügung stehenden personellen und finanziellen Möglichkeiten abhängen.

Im übrigen ist die Einrichtung eines Archivs, das die wissenschaftliche Literatur, vor allem aber auch zeitgenössische Stellungnahmen zum Thema unangepaßtes Verhalten, systematisch erfaßt, eine Haupt-Aufgabe des Vereins. Nur mit Hilfe eines solchen Instruments lassen sich Entstehung, Wirkungsweise und Entwicklung von Vorurteilen gegenüber unangepaßtem Verhalten nachzeichnen.

(5b) Bereich Aufklärung, Beratung, Behandlung: Schwerpunkte Aufklärung und Orientierungshilfe

Der Bereich Aufklärung, Beratung, Behandlung, den man der praktischen Sozialarbeit zurechnen kann, bietet eine Fülle möglicher Vereins-Aktivitäten. Sicher ist es der Bereich, in dem für uns am schnellsten Projekte realisierbar sind. Gleichzeitig ist dieser Bereich, neben dem publizistischen, derjenige, in dem der Verein am ehesten auf öffentliche Resonanz stoßen wird.

Da Selbständigkeit und Selbstbestimmung der Klienten oberstes Ziel unserer Arbeit sind, andererseits therapeutische Eingriffe stets eine gewisse Abhängigkeit des Patienten vom Therapeuten mit sich bringen, gehen wir bei unseren gesamten Aktivitäten in diesem Bereich nach der Devise vor, soviel Selbsthilfe und sowenig Therapie wie möglich. Dementsprechend wird unsere eigene Tätigkeit in erster Linie beratender und orientierender Natur sein. Nur da, wo es für eine erste Orientierung des Klienten unumgänglich erscheint, werden wir auf therapeutische Mittel zurückgreifen, und im übrigen, soweit wir es für sinnvoll halten, auf die Angebote anderer Stellen verweisen.

Drei Arten von Aktivitäten können wir im Bereich Aufklärung, Beratung, Behandlung unmittelbar entfalten:

(1) Bildungs- und Fortbildungs-Veranstaltungen zum Thema unangepaßtes Verhalten für Sozialwissenschaftler, Pädagogen, Sozialarbeiter, andere im Sozialbereich tätige Personen, Studenten und Schüler mit dem Ziel, Informationen zum Thema zu vermitteln und Vorurteile abzubauen.

(2) Eine Anlauf- und Beratungsstelle für Personen mit Anpassungsschwierigkeiten. Zentrale Aufgabe: dem Ratsuchenden Orientierungs- und Entscheidungshilfen bezüglich der verschiedenen möglichen Wege zur Bearbeitung seines individuellen psychosozialen Problems zu geben. Ausgangspunkt und wesentlicher Bestandteil der Arbeit ist die diagnostische Abklärung des individuellen Problems, seiner Bedingungen und der Entwicklungsziele. Die Beratungstätigkeit setzt voraus, daß Übersichten über die lokalen therapeutischen Angebote, Selbsthilfegruppen u.a. zusammengestellt und ständig aktualisiert werden; desweiteren, daß Kriterien für die Beurteilung von Therapieformen und anderen Angeboten aus dem »Psycho-Bereich« entwickelt, und daß begleitende Untersuchungen durchgeführt werden (einschließlich dem Einholen von Erfahrungsberichten). Ergänzend dazu: Medizinische und juristische Beratung; Öffentlichkeitsarbeit (Bereitstellung und Veröffentlichung von »Verbraucherschutz«-Informationen, Hintergrundmaterial, Marktübersichten).

(3) Ergänzende Angebote für Ratsuchende in Form von Gruppen und Einzelveranstaltungen, die in erster Linie der Orientierung dienen: Wahrnehmung des eigenen Ich, der eigenen Bedürfnisse, Beschränkungen und Möglichkeiten. Der Abbau von Vorurteilen gegenüber der eigenen Form von Unangepaßtheit (Steigerung des Selbstwertgefühls) und eine Erhöhung der Toleranz gegenüber anderen Formen von Unangepaßtheit, aber auch gegenüber der »Normalität«, sind ein zweites Ziel. Die Angebote sollen nicht mehr und nicht weniger als »Hilfe zur Selbsthilfe« leisten: sei es, daß der Teilnehmer sich im Anschluß an solche Veranstaltungen zur aktiven Auseinandersetzung mit seinem sozialen Umfeld entschließt; sei es, daß er seine Probleme durch Teilnahme an Selbsthilfe- oder Selbsterfahrungsgruppen zu lösen versucht; sei es, daß er sich zu einer im engeren Sinne therapeutischen Maßnahme entschließt.

(5c) Publizistischer Bereich: Schwerpunkte Vorurteilsabbau und Verbraucherschutz

Die Aktivitäten im publizistischen Bereich ergeben sich zum Teil aus den Forschungs- und Beratungsaktivitäten des Vereins: die gewonnenen Erkenntnisse sollten natürlich an die Öffentlichkeit gebracht werden. Im Zusammenhang mit der geplanten Beratungsstelle dürfte eine Fülle von Material anfallen, das sich zu Medienbeiträgen verarbeiten läßt. Über den begrenzten Kreis der Beratungsstelle hinaus läßt sich auf diese Weise eine breitere Öffentlichkeit erreichen: Stichwort Verbraucherschutz im Bereich des »Psycho-Markts«. Im Zusammenarbeit mit Verlagen ist es sicher auch möglich, überblickartige Zusammenstellungen der entsprechenden Angebote mit Anmerkungen und Hintergrundkommentaren in Buchform zu veröffentlichen.

Auf das geplante Archiv wurde schon weiter oben eingegangen. Über wissenschaftliche Literatur und zeitgenössische Stellungnahmen hinaus wäre es um ein fortlaufend ergänztes Verzeichnis neuer Therapieformen und Anbieter zu erweitern. Das Material dieses Archivs würde natürlich allen Interessenten zur Verfügung stehen.

Aus der Dokumentation neuer Entwicklungen in Forschung und Praxis ergibt sich zugleich die Möglichkeit, rechtzeitig kritisch Stellung zu nehmen, wo es unseres Erachtens not tut. Auch hier sind die verschiedenen Medien zu nutzen.- Als Beispiel mag hier die zeitweise in Mode gekommene Behandlung von sog. »Verwahrlosten« mit Psychostimulantien angeführt werden. Auf Grund bestimmter Theorien war der Psychologe EYSENCK zu der Auffassung gekommen, daß die Behandlung dieses Personenkreises mit den entsprechenden Drogen, die Voraussetzung für eine »Nach-Sozialisierung« schaffen würde.

Die Behandlung mit solchen und anderen »Anpassungs-Drogen« verbunden mit einem »Lern-Programm« war zwar schon früh wissenschaftlich umstritten, konnte aber trotzdem nicht unterbunden werden. Erst die massiven Proteste von Ärzten, Psychologen, Lehrern und betroffenen Eltern zeugten durch die Einschaltung der Medien Wirkung (vgl. z.B. Kölner Stadt-Anzeiger, »Drogen dressieren zappelige Kinder«, 97/1978, S.47). Dabei hätte die bekanntermaßen große Suchtgefahr, die mit der Einnahme von Psychopharmaka verbunden ist, frühzeitig die Durchführung solcher Experimente stoppen müssen. Hier gibt es fortlaufend eine ganze Palette von Ereignissen, die unsere Aufmerksamkeit erfordern.

Ein weiteres Betätigungsfeld, auf das in anderem Zusammenhang schon näher eingegangen wurde, bieten die Vorurteile gegenüber Unangepaßten, die nirgendwo mit gefährlicherer Wirkung geäußert werden können als in den Medien. Dagegen einzuschreiten und Alternativ-Informationen zu geben, ist eines unserer wichtigsten Anliegen.

Eine interessante Möglichkeit der Öffentlichkeitsarbeit bieten schließlich Ausstellungen zum Thema »Unangepaßtheit in unserer Gesellschaft«. Das kann in Form von Exponaten (Bilder, Texte, akustische Zeugnisse, etc.) sogenannter »Geisteskranker« geschehen, aber auch z.B. in Form fotografischer Zeugnisse von prominenten Zeitgenossen, die bzw. deren Handlungen in den Augen einer Mehrheit »unangepaßt« erscheinen: von BÖLLs schriftlichen und mündlichen Äußerungen, über Turnschuhe im Bundestag, bis zum singenden Penner im Park führen Spuren der Unangepaßtheit, deren Nebeneinander zu bewirken vermag, daß die vielfältigen Facetten (auf)störenden Verhaltens in einem anderen Licht erscheinen - ein Erlebnis, daß die gegenseitige Toleranz zu stärken vermag.

AutorIn: Heiko Deters (1987)

Literatur:

DETERS, H. (1975): Zum Begriff der Abnormalität und seiner gesellschaftlichen Bedingtheit; in ORME, J.E., Einführung in die klinische und abnormale Psychologie, S.10-15; Köln.

DITTRICH, A. (1985): Ätiologie-unabhängige Strukturen veränderter Wachbewußtseinszustände; Stuttgart.

HEHLMANN, W. (1962): Wörterbuch der Psychologie; Stuttgart.

MERTON, R.K. (1957): Social Theory and Structure; New York.

ORME, J.E. (1971): An Introduction to Abnormal Psychology; London.

PARSONS, T. (1968): Enstehung und Richtung abweichenden Verhaltens; in: F.SACK & R.KÖNIG, Kriminalsoziologie; Frankfurt.

SCHENK, J. (1977): Abweichendes Verhalten; in: PONGRATZ, L.J.(Hrsg.), Hb.d.Psychol. Bd.8/1, Klinische Psychologie, S.63-115; Göttingen.

 

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